Wie NIUS versucht den Diskurs zum Gewaltschutz zu kippen

Gastanalyse

Wie NIUS versucht den Diskurs zum Gewaltschutz zu kippen

So vergiftet NIUS den Diskurs um den Fall Fernandes – eine Gastanalyse von Natascha Strobl

Natascha Strobl

Eigentlich sollte niemand mehr überrascht sein, folgen die Kulturkampfportale doch den immer selben Mustern. So passt es auch ins Bild, dass NIUS nun mit einer Reihe von Artikeln auf Collien Fernandes losgeht und die gesetzliche Lückenschließung beim Gewaltschutz zu torpedieren versucht. Der hochtrabende Vorwurf: Nichts stimmt, alles anders, es gab gar keine Deepfakes.

Der Reihe nach: Collien Fernandes war so mutig, nach jahrelanger Tortur ihr Leid öffentlich zu machen und ihren Ex-Ehemann als Täter zu benennen. Wie viele andere Frauen auch, ist sie von einer Myriade an Übergriffen betroffen, manche digital, manche analog. Dazu zählen pornographische Deepfakes und Videos, Identitätsdiebstahl, Verletzung des Ansehens und des Rufs sowie körperliche Gewalt. Hinzu kommt der Verlust von Vertrauen und Sicherheit, gerade durch die Person, die das eigene Zuhause sein sollte.

Soweit ist das alles bekannt und es kam in den letzten Tagen auch kein neuer Sachverhalt hinzu. Der Trick, den NIUS nun anwendet, ist zu suggerieren, dass eben dies geschehen ist.

Hier die NIUS-Formel in fünf einfachen Schritten:

  1. Atemloser Breaking-News-Stil. Mit einem aufgeregten Artikel wird eine neue Wendung suggeriert, die alles davor null und nichtig macht. Man kommt als Zuseher:in kaum zum Luftholen, da werden die Breaking News schon via Artikel, Video und Sozialen Medien in einem Trommelfeuer nach außen getragen. Wichtig ist es nicht nur einen, sondern im Stundentakt mehrere Artikel nach außen zu spielen, um Dringlichkeit vorzutäuschen. Die Substanz spielt keine Rolle, die atemlose Form soll Wahrhaftigkeit geben.
  2. Geheimwissen. Es wird behauptet, dass man als einziges Portal über dieses Wissen verfügt und somit über allen anderen steht. Es ist die Suggestion eines Scoops und versucht eine Gleichheit herzustellen, wo keine ist. Während der Spiegel wirklich eine exklusive, lange recherchierte und gegengecheckte Geschichte hat, versucht NIUS sich nun auf dieselbe Ebene zu stellen, indem sie auch behaupten, so etwas hervorzubringen. Nur haben sie dies nicht. Nichts ist recherchiert oder gar gegengecheckt. Man hat noch nicht mal eine neue Story.
  3. Opferverkehrung. Eine Geschichte darf bei rechtsextremen Kulturkampfportalen wie NIUS nie nur für sich stehen. Sie ist immer Teil einer großen Agenda böser, geheimer Mächte. Diesmal ist der Fall Fernandes nur Mittel, um NIUS zu zensieren. Das eigentliche Opfer ist nicht die Frau, der jahrzehntelang Gewalt angetan wurde, das eigentliche Opfer ist man immer selbst. Das eigentliche Opfer wird unglaubwürdig gemacht. Bei der neutralen Leserin sollen Zweifel geschürt werden, so dass am Ende ein “Was weiß man da schon?” über bleibt. Dabei gibt es keine Zweifel in diesem Fall. Ulmen hat die Taten selbst zugegeben.
  4. Verschwörung. Zudem ist alles Teil einer großen Verschwörung. Das Gewaltschutzgesetz, im Speziellen das Verbot von Deepfakes, ist ein Mittel, um Portalen wie NIUS den Mund zu verbieten. Der Staat, die Medien und die Aktivist:innen sind in diesem Denken eine gleich handelnde Masse, die zentral indoktriniert wird, um böse Dinge zu tun. Das ist Verschwörungsdenken und hat mit sozialen und politischen Wirklichkeiten nichts zu tun.
  5. Das ist Krieg. NIUS wähnt sich im Krieg gegen alles und jeden, der nicht rechtsextrem ist. Dabei spielen Wahrheit, Recherche, Nuance und Zweifel keine Rolle. Jeder Artikel ist ein strategisches Manöver und kein Angebot für Erkenntnis. So geht es auch bei Fernandes nicht darum, die juristischen Feinheiten zwischen AI-erstellten Deepfakes und mit anderen Technologien manipulierten Aufnahmen zu fassen. Es geht darum, einen Krieg gegen “die da” (also uns Demokrat:innen) zu gewinnen.

Man darf sich fragen, warum es NIUS so wichtig ist, den Gewaltschutz zu Fall zu bringen. Will man unbedingt übergriffigen Männern beispringen? Die Antwort liegt etwas tiefer. Man möchte ein Verbot von Deepfakes verhindern. Rechtsextreme Portale arbeiten gezielt mit diesen Bildern, ohne sie zu kennzeichnen. Oft sind es subtile kleine Veränderungen: Die Zähne werden spitzer, der Blick wird böser gemacht, die Nase wird größer. Solche Veränderungen am Bild sind viel wirkungsvoller, weil man auf den ersten Blick die Manipulation nicht bemerkt. Die abgebildeten Personen sollen einfach als böse markiert werden. In Österreich hat ein Gericht genau in so einem Fall eine einstweilige Verfügung gegen ein solches Portal erlassen. Auch sehr subtile Deepfakes sind keine legitime Art von Satire oder Journalismus. Wird Kulturkampf-Portalen nun aber juristisch verboten diese Art der Manipulation und Herabwürdigung einzusetzen, dann fällt ein wichtiger Aspekt der eigenen politischen Kampagne und Wirkung weg. Dann würde sich vielleicht auch zeigen, wie inflationär und normalisiert sie bereits eingesetzt wurden. Deepfakes, auch nicht pornographische, zu verbieten, ist ein Akt, die Menschenwürde zu bewahren. Es ist nicht überraschend, dass NIUS sich dagegen wehrt. Fallen wir nicht drauf rein.

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Dieser Artikel wurde verfasst von:

Natascha Strobl

Autorin und Politikwissenschaftlerin

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