
Gastbeitrag
„Haben Sie gar keine Angst?“ – ein Gastbeitrag von Maren Haiges
Hausärztin Maren Haiges über politische Verantwortung, rechte Desinformation im Praxisalltag – und warum sie sich bewusst gegen CGM entschieden hat.
Vor der Bundestagswahl im Januar 2025 hatte ich auf einem großen Whiteboard in meiner Praxis stehen:
„Liebe Patient*innen! Unsere Demokratie ist in Gefahr und die kassenärztliche Versorgung ist ein Teil dieser…Danke, dass Sie nicht die AfD wählen“
Ein Patient sprach mich an: „Haben Sie gar keine Angst?“ Er blieb nicht der einzige, der das fragte. Meine Patient:innen machten sich Sorgen, dass es mir oder meiner Praxis schaden könnte, wenn ich mich so deutlich gegen die AFD positioniere.
Erst da wurde mir klar, dass ich mich durch meine Haltung angreifbar machen könnte. Und ja, es stimmt: Ich habe eine gewisse Angst, oder eher: Sorge und Wachsamkeit, die ich nun in meinem Leben spüre. Nach der Bundestagswahl 2025, die AfD wurde stark wie nie zuvor, begann ich, wie viele um mich, für den Erhalt der Demokratie zu demonstrieren. Ich engagiere mich mehr und stehe vehementer für meine Meinung ein, weil ich das Gefühl habe, wir als Gesellschaft müssen etwas sehr Wichtiges verteidigen.
Wenn Haltung plötzlich persönlich wird
Bereits ein Jahr zuvor, im Frühjahr 2024, hatte ein Kollege in unserem lokalen Hausärztenetzwerk die Frage gestellt, ob wir uns schon mal Gedanken darüber gemacht hätten, was eine Machtübernahme einer rechtsradikalen Partei für Folgen für uns Ärzt:innen haben könnte. Was es bedeuten würde, wenn wir keine Asylsuchenden mehr behandeln dürften oder MFAs und Kolleg*innen mit Migrationshintergrund um ihr Leben in Deutschland fürchten müssten und/oder möglicherweise nicht mehr arbeiten dürften. Wir Hausärzt:innen entschieden uns ab März 2025 eine Plakataktion „Bochumer Hausarztpraxen für Demokratie“ zu starten und damit den ersten kleinen Schritt, aktiv zu werden.
Armut, Krankheit und politische Unzufriedenheit
Meine hausärztliche Praxis liegt im Herzen des Ruhrgebiets und unsere Patient:innen gehören zum großen Teil dem klassischen Arbeitermilieu an. Täglich kämpfen meine Kolleginnen und ich gegen soziale Missstände, prekäre Wohnverhältnisse und eine an etlichen Stellen nur noch eingeschränkt mögliche Gesundheitsversorgung. Armut macht krank und Krankheit macht arm. Unsere Patient:innen leiden vielfach unter psychischen Störungen wie Ängsten, Erschöpfungszuständen und Depressionen, häufig ausgelöst durch ihre soziale Situation. Circa 26 Prozent des Bezirks wählten im Februar 2025 die AFD. Ein großer, erschreckender Prozentsatz und rein statistisch eben ein Viertel meiner Patient*innen.
Ich habe begonnen mich mehr und mehr mit Politik und Gesellschaftsfragen wie dem Gesundheitssystem, Rechtspopulismus und Feminismus auseinanderzusetzen, suche das Gespräch mit Menschen, wenn ich in der Praxis mit fremdenfeindlicher oder anderweitig diskriminierender Haltung konfrontiert werde. Ich zeige mit meinen Kolleginnen und angestellten MFAs deutlich, dass wir divers sind und Diskriminierungen nicht akzeptieren.
Rechte Narrative machen nicht vor der Praxistür halt
Immer wieder erlebte ich in Gesprächen, dass sich die politische Grundhaltung der Menschen aus rechten Medien wie Nius, Compact und anderen speist. Eine Angehörige eines Patienten sagte mir beispielsweise aufgebracht, dass es ja kein Wunder wäre, wenn ihr Sohn keinen Therapieplatz fände, die seien ja schließlich für Flüchtlinge reserviert und als Deutsche bekomme man sowieso keinerlei Unterstützung mehr. Im darauf folgenden Gespräch versuchte ich das verzerrte Bild vom „Ausländer, der die Krankenkassen leergeräumt hat“ gerade zu rücken. Natürlich ist unser bereits marodes System zusätzlich belastet durch die Aufnahme ca. einer Million ukrainischer Kriegsflüchtlinge, aber die Ursachen, die zum Kollaps des Gesundheitssystems führten, sind wahrlich andere: Unter anderem immer neue, teurere Medikamente einer meines Erachtens unzureichend regulierten pharmazeutischen Industrie, ein Abrechnungssystem, dass unsere Gesundheitsversorgung zu einem Spielball für Finanzinvestoren gemacht hat und der demografische Wandel - eine alternde Bevölkerung. Die Gründe sind vielfältig und schwer zu durchschauen für Menschen, die sich nicht täglich damit auseinandersetzen müssen. In einem Arbeitsalltag, der durch Zeitmangel und marode Strukturen geprägt ist, kommt das einer zusätzlichen Belastung gleich. Und doch, das wird mir immer klarer, hängen das Gesundheitssystem und die Zunahme des Rechtspopulismus eng zusammen – ein Hausärzt:innenmangel auf dem Land führt zu immer größerer Unzufriedenheit, im schlimmsten Fall zu unbehandelten Krankheiten. Der oder die medizinisch Unversorgte könnte sich in der Folge vielleicht dazu entscheiden, die AFD zu wählen.
Die Angst, sich angreifbar zu machen
Manchmal schaue ich besorgt in die Online-Bewertungen für meine Praxis, ob es beleidigende Kommentare gehagelt hat für meine Haltung und man mich bezichtigt, nicht „neutral“ zu sein. Ich hole mir zunehmend juristischen Rat ein, wie und in welchem Rahmen ich als Vertragsärztin meine Haltung offen kundtun darf. Mehr und mehr wird mir gewahr, dass viele meiner Kolleg:innen zwar meine Meinung teilen, aber nur sehr wenige sich engagieren möchten. Teils, weil Ihnen schlicht und ergreifend die Kapazitäten fehlen, teils aus einer eher unpolitischen Sicht, als wäre Neutralität nicht auch eine Haltung. Letztendlich aber scheinen alle von ihnen Repressalien zu fürchten. Zwar stehe ich beileibe nicht allein auf weiter Flur, dennoch fehlt mir der ortsnahe Austausch oder einfach die Rückendeckung anderer Ärzt:innen. Wer Medizin studiert hat, weiß, dass die meisten Kommiliton:innen eher nicht zu jenen gehören, die sich abends noch treffen, um aktivistisch tätig zu werden. Aus meinem Empfinden heraus, legt man uns an der Universität nahe, stets an Wirtschaftlichkeit zu denken und Zeitmangel durch sachliches, ressourcenorientierendes Handeln auszugleichen, im Zweifel auch auf Kosten der empathischen Patient:innenversorgung. Das ist nicht nicht gerade das studentische Milieu, aus dem später politisch und demokratisch engagierte Mediziner:innen hervorgehen. Und doch brauchen gerade wir Ärztinnen und Ärzte dringend einen moralisch-ethischen Kompass, nach dem wir handeln und behandeln. Denn wir arbeiten sehr nah an den Menschen, erfahren von ihren Sorgen und Nöten, führen vor allem als Hausärzt:innen Gespräche, die nichts mit der klassischen Gesundheitsfürsorge zu tun haben, sondern lernen unsere Patient*innen persönlich kennen. Daraus entsteht Verantwortung.
Medizin braucht einen moralischen Kompass
Das Genfer Gelöbnis von 1948, die moderne, weltliche Fassung des Hippokratischen Eides, welche die ethischen Prinzipien ärztlichen Handelns zusammenfasst, beinhaltet unter anderem folgenden Satz:
ICH WERDE NICHT ZULASSEN, DASS ERWÄGUNGEN VON ALTER, KRANKHEIT ODER BEHINDERUNG, GLAUBE, ETHNISCHER HERKUNFT, GESCHLECHT, STAATSANGEHÖRIGKEIT, POLITISCHER ZUGEHÖRIGKEIT, RASSE, SEXUELLER ORIENTIERUNG, SOZIALER STELLUNG ODER JEGLICHER ANDERER FAKTOREN ZWISCHEN MEINE PFLICHTEN UND MEINE PATIENTIN ODER MEINEN PATIENTEN TRETEN.
Wir Ärztinnen und Ärzte haben die Pflicht, danach zu handeln. Das umfasst aus meiner Sicht auch eine aktive Mitarbeit am Erhalt unserer demokratischen Strukturen.
Und was hat das mit meiner Praxissoftware zu tun?
Als ich im Juli 2022 die Praxis von zwei Kolleg:innen übernahm, fand ich die Software „Albis“ vor – ein teures, schlecht konzipiertes Praxisverwaltungssystem von CGM, dem Konzern des Millionärs Frank Gotthard, der das rechte Medium Nius finanziert. Ein Wechsel schien mir unvermeidbar und mit der Modernisierung unserer Strukturen vor der Eröffnung stellten wir ziemlich problemlos auf eine Software um, die nichts mit Gotthards Konzern zu tun hat. Damals bewogen mich dazu vor allem wirtschaftliche und praktische Überlegungen. Zwei Jahre später, kurz vor der Bundestagswahl, war ich aus oben genannten Gründen noch froher, mich gegen CGM entschieden zu haben.
Wenn ich mit Kolleg:innen spreche, dann höre ich häufig, dass es aus Kostengründen schwierig sei, den Anbieter einer Praxisverwaltungssoftware zu wechseln. Das stimmt nicht, genauso wenig wie die Mär, dass es unglaublich kompliziert ist, die bereits bestehenden Daten in ein neues System zu überführen. Ja, unsere Arbeit lässt nur wenig Raum, um sich mit diesen Strukturen auseinanderzusetzen. Nichtsdestotrotz bin ich der Ansicht, dass wir Ärzt:innen die Komfortzone verlassen müssen, wenn wir uns einem gefährlichen politischen Umbruch entgegenstellen wollen.
Angst wird kleiner, wenn wir gemeinsam handeln
Deshalb habe ich entschieden, mich beim Projekt „Diagnose Desinfomation“ des Edelweiss-Netzwerks aktiv einzubringen, mein Gesicht und meine Haltung zu zeigen. Trotz und gleichzeitig wegen der Angst vor negativen Folgen durch Medien wie NIUS, Tichys Einblick oder Compact.
Aus meinem psychotherapeutischen Fachbereich weiß ich, dass die Vermeidung und das Verstecken vor Ängsten diese nur noch größer werden lässt. Wir sollten uns diesen Gefühlen stellen und herausfinden dürfen, dass wir stärker sind als wir denken, vor allem gemeinsam.
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