Rechte Medienmacht und wie der Gesundheitsmarkt sie finanziert

Gastbeitrag

Rechte Medienmacht und wie der Gesundheitsmarkt sie finanziert

Der Hausarzt, Anästhesist und Intensivmediziner Marc Hanefeld über die IT-Struktur im Gesundheitssektor und wie sie die rechte Medienmacht finanziert.

Dr. Marc Hanefeld

Relevante Teile deutscher Arztpraxen unterstützen über die verwendete Praxis-Software mittelbar und zumeist unwissentlich das als rechtspopulistisch bis rechtsradikal geltende Portal NiUS, gegründet vom ehemaligen BILD-Chefredakteur Julian Reichelt. Darüber müssen wir sprechen, denn dieser Zustand ist mit den Grundsätzen ärztlicher Ethik nicht vereinbar. Ein möglicher Wechsel der Software stellt Praxen vor Herausforderungen, die aber überwindbar sind.

Patient:innen in Arztpraxen bemerken meist wenig von einer der wichtigsten Komponenten, auf die wir angewiesen sind: dem Praxisverwaltungssystem (PVS). Es ist für nahezu alle Vorgänge essenziell: Wir dokumentieren hier unsere Befunde, drucken Rezepte oder versenden diese in den eRezept-Fachdienst, erstellen Verordnungen, schicken Arbeitsunfähigkeiten (eAU) an die Krankenkassen, importieren Dokumente mit Befunden und Arztbriefen, senden und empfangen Briefe über die Telematik-Infrastruktur (der Kommunikationsdienst im Medizinwesen oder KIMDienst), lesen Krankenversichertenkarten ein und erstellen Abrechnungen.

Die PVS sind in ihrer Funktionalität stark reguliert, z.B. durch die Nationale Agentur für digitale Medizin (Gematik) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Letztere zertifiziert die Software, damit diese überhaupt genutzt werden kann. Zwar ist die Anzahl der Arztpraxen leicht rückläufig, aber mit immer noch knapp 100.000 Praxen in Deutschland (Stand: 2024, hinzu kommen noch Institutionen in Kliniken etc.) handelt es sich um einen relevanten Markt. Insgesamt waren zum 30.09.2025 fast 118.000 PVS-Installationen gelistet.

Die Kosten für die PVS-Lizenzgebühren liegen nach meinen eigenen Umfragen unter Kolleg:innen monatlich bei ca. 150-300 EUR pro Ärztin/Arzt. Laut KBV-Arztzahlstatistik lag die Anzahl der Vertragsärztinnen und Vertragsärzte (inklusive Psychotherapeut:innen) bei über 190.000. Daraus kann man schätzen, dass der Markt bei knapp 350 Mio bis 700 Mio EUR jährlich liegt. Das macht Praxissoftware zu einem hochlukrativen Segment der Gesundheitsökonomie.

Eines der dominierenden Unternehmen dieses Markts ist die Compugroup Medical. Sie entwickelt unter anderem Software für Arzt- und Zahnarztpraxen sowie Apotheken. Der Marktanteil bei Arztpraxen in Deutschland mit verschiedenen teils von Anfang an selbst entwickelten, teils hinzugekauften Produkten, beträgt laut der Installationsstatistik der KBV über 20%, was die Compugroup zum deutlich dominierenden Anbieter auf diesem Segment macht. Für den gesamten deutschen Gesundheitsmarkt wird der Marktanteil verschiedenen Quellen zufolge als bis zu 30% geschätzt. Der Jahresumsatz lag 2025 laut Handelsblatt bei 1,2 Milliarden EUR für die weltweiten Aktivitäten.

Ärztliche Verantwortung in der Praxis

Dass NiUS als rechtspopulistische bzw. rechtsradikale Propaganda- und DesinformationsPlattform gilt, hat das Edelweiss-Netzwerk mehrfach dokumentiert. Dies ist auch in wissenschaftlichen Veröffentlichungen dargelegt worden. Beispielsweise wird das Portal in einer 2025 veröffentlichten Studie im "Desinformationskontinuum" positioniert, und als "pseudojournalistisches Agitationsformat" eingestuft. Kontrolliert und insbesondere finanziert wird NiUS vom Unternehmer Frank Gotthardt, Gründer der Compugroup und mit einem geschätzten Vermögen von einer halben Milliarde Euro dadurch reich geworden.

Das hinter NiUS stehende Unternehmen ViUS SE & Co. KGaA verzeichnete zwischen 2022 bis 2024 Verluste von insgesamt rund 33 Millionen EUR mit steigender Tendenz. Es ist absolut fernliegend, dass das Konstrukt wirtschaftlich tragfähig sein oder werden soll, und es gibt auch keine Signale, dass das Defizit zukünftig durch Abonnenten und Werbung signifikant geringer wird. Welche Motivation steckt also für Herrn Gotthardt dahinter, viele Millionen seines Privatvermögens dort hineinzustecken?

Naheliegend erscheint mir folgende Deutung: Die Investition in NiUS dient dazu, rechtspopulistische Narrative mit allen Mitteln (inklusive Desinformation, Hetze gegen Minderheiten und liberale Kräfte) möglichst weit in der Bevölkerung zu verbreiten. Das zugrunde liegende Muster ist weltweit zu beobachten, jedoch für mich unbegreiflich: Wie kann man derartig bösartig sein, dass man mit den Möglichkeiten des eigenen Vermögens diejenige Gesellschaft angreift, unter deren Voraussetzungen man überhaupt erst die Chance hatte, so reich zu werden und dabei - gerade im Vergleich zu Regimes wie in Russland oder China - in Freiheit und Sicherheit zu leben? Für mich sind da die Grenzen der Erträglichkeit von Charakterlosigkeit und Niedertracht bei weitem überschritten.

Dies führt mich zu meinem eigenen Beruf. Ich bin so etwas wie ein Hybrid, scherzhaft nenne ich mich auch zuweilen "Konvertit": Angefangen als Klinikarzt und Facharzt für Anästhesie-, Intensiv- und Notfallmedizin im Krankenhaus mit Tätigkeiten bis hin zum Leitenden Oberarzt bin ich nun Facharzt für Allgemeinmedizin und Hausarzt, ja sogar Landarzt. Daneben werde ich unter anderem als Digital-Health-Protagonist wahrgenommen und bin Berater für Institutionen und Firmen in diesem Bereich.

Ärztinnen und Ärzten wird häufig zugeschrieben, den "hippokratischen Eid" geschworen zu haben. Das stimmt so nicht: Ein Pflicht-Gelöbnis zum Ende des Studiums gibt es nicht, aber an vielen Unis die Möglichkeit, feierlich das Genfer Gelöbnis des Weltärztebundes zu sprechen. Dies ist sehr interessant zu lesen, und es enthält insbesondere die Verpflichtung, die eigene Tätigkeit "in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen", Menschen unabhängig von "Alter, Krankheit oder Behinderung, Glaube, ethnischer Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit [...]" zu behandeln und anzusehen, sowie das medizinische "Wissen nicht zur Verletzung von Menschenrechten und bürgerlichen Freiheiten" anzuwenden.

Darüber hinaus hat der Deutsche Ärztetag 2024 eine Resolution "Nie wieder ist jetzt" beschlossen und den Berufsstand damit ganz klar der Demokratie, dem Pluralismus und den Menschenrechten verpflichtet.

Auch wenn ich keiner Kollegin und keinem Kollegen unterstelle, absichtlich eine menschenfeindliche rechtspopulistische Propaganda-Plattform zu unterstützen, so ist es mir doch sehr wichtig darauf hinzuweisen, dass dies geschieht, indem man Produkte der Compugroup nutzt und Lizenzgebühren an das Unternehmen abführt. Frank Gotthardt als Unternehmensgründer ist zwar nicht mehr im operativen Geschäft, jedoch ist er Vorsitzender des Verwaltungsrats, und es ist stark anzunehmen, dass er weiterhin vom Familienunternehmen finanziell stark profitiert.

Aus Sicht der Bevölkerung, oder besser der Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen (GKVen) sieht es folgendermaßen aus. Die Kostenkalkulation der allermeisten deutschen Arztpraxen geschieht anhand der geplanten GKV-Einnahmen, die fast immer den größeren Teil als Umsätze aus Privatbehandlungen ausmachen. Letztere sind auch schwieriger zu planen und schwanken mehr. Da diese Kostenkalkulation auch die EDV- und PVS-Ausgaben beinhaltet, liegt es nahe zu formulieren: Versichertengelder aus den gesetzlichen Krankenkassen fließen mittelbar in die Unterstützung rechtspopulistischer Plattformen.

Dies ist weder mit ärztlicher Ethik übereinzubringen, noch mit allen denkbaren Erwägungen zu Vereinbarungen unserer Gesellschaft über unser Zusammenleben und unsere demokratischen und humanistischen Grundwerte.

Systemwechsel

Warum wechseln die Ärztinnen und Ärzte dann nicht einfach das PVS? Ganz einfach, weil es nicht einfach ist. Ein PVS ist elementarer Bestandteil nahezu aller Aktivitäten in der Praxis. Auch wenn heute durch Kolleg:innen, die so ticken wie ich, ambulante Arztpraxen oft moderner aufgestellt sind und viel mehr digitale Lösungen haben als Kliniken, so gibt es doch noch eine große Zahl von Praxen, die sehr analog aufgestellt sind: Mit Papier-Karteien, Faxgeräten, Wissensmanagement auf der Basis einer Zettelwirtschaft etc. Zum Thema Praxis-Digitalisierung und -Organisation halte ich eigene Seminare. In Sachen Effizienz-Steigerung sind noch viele Schätze zu heben.

Daneben existiert auch das ganz menschliche Phänomen der Angst vor Veränderungen, psychologisch als Veränderungs-Aversion bezeichnet: Verlustängste, evolutionär vorhandene instinktive Schutz-Mechanismen gegen Risiken und Gefahren sowie ebenfalls sehr menschliche Impulse wie kognitive Faulheit und Zweifel an der eigenen Kompetenz führen dazu, dass Veränderungen immer eine schwierige Sache sind.

Gerade die in weiten Teilen der Bevölkerung vorhandene geringe Eigenkompetenz im Umgang mit Computern und Programmen führt dazu, dass man lieber beim Alten bleibt, da man das ja schon kann. Etwas Neues zu lernen und möglicherweise dann Dinge nicht mehr zu schaffen oder nicht mehr so zu schaffen wie zuvor, macht Angst.

Hinzu kommt, dass Praxen ein komplexes und damit auch fragiles Gebilde sind. Ein PVS-Wechsel beinhaltet alle Prozesse, von der Diagnostik bis hin zu ohnehin Frust-stiftenden Dingen wie Drucker, Kartenlesegeräte, inzwischen Komponenten der Telematik-Infrastruktur (sicheres Netz in der Medizin) usw. Man muss damit rechnen, für den Wechsel für eine Woche die Praxis schließen zu müssen und auch danach unter Umständen mehrere Wochen zu benötigen, bis die Praxisabläufe sich an das neue System adaptiert haben. Außerdem können die Kosten dafür leicht 20.000-30.000 EUR erreichen.

Aber ich kann auch sagen: Es ist nicht unmöglich, solch einen Wechsel vorzunehmen. Wenn man es gut plant, wird man davon profitieren, und zwar erst einmal für die Unterstützung der Praxis-Abläufe. Das PVS ist nicht alles, denn eine gute Organisation geht darüber hinaus. Ohne gutes PVS geht es aber nicht. Dann ist die eigene Zufriedenheit danach häufig höher. Mit dem PVS verbringt man mehr Zeit als mit Familie und Freunden. Es muss auch Spaß machen, damit zu arbeiten. Nicht zuletzt hilft ein gutes PVS auch, die Abrechnung zu optimieren: Ich habe mehrere Praxen begleitet, die von einem zugegeben auch schlechten System auf ein gutes gewechselt sind und die o.g. Wechsel-Kosten innerhalb von 1-2 Quartalen wieder drin hatten. Einfach durch bessere Übersicht und Unterstützung bei der Abrechnung.

Und damit komme ich zu einem Punkt, der zusätzlich sehr interessant ist: CGM-Produkte schneiden bei der Bewertung der Nutzer ausgesprochen schlecht ab. Das zeigt eine Auswertung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI) : CGM-Produkte liegen bei den Themen Zufriedenheit mit dem PVS sowie dem Kundensupport weit hinten. Auch wenn es sich um eine Stichproben-Auswertung handelt, so wird dies doch auch durch Äußerungen im Kolleg:innenkreis unterstützt. Häufig kritisiert wird dort auch die Kostenstruktur von CGMProdukten, mit Extra-Kosten für Module wie Terminorganisation, Statistik, Kassenbuch etc.

Mir ist auch schon zu Ohren gekommen, dass ursprünglich integrierte Programmfunktionen nachträglich als Module ausgelagert und kostenpflichtig gemacht worden sein sollen. Was macht man als Praxis-Inhaber:in? Mein Ratschlag: Es gibt in jedem KV-Bereich Ärztinnen und Ärzte, die als digitale Vorreiter gelten und auch Ratschläge geben können, wenn es um PVS-Wechsel geht. Die örtlichen oder Landes-KVen können solche Kontakte vermitteln, und sie können teilweise in ihren Digitalisierungs-Abteilungen auch eigene Beratungen dazu anbieten. Im kollegialen Umfeld kann man auch nachfragen, welche PVS empfohlen werden. Offizielle von KVen, Kammern oder Verbänden dürfen sich dazu nicht genau äußern, aber wenn ich mich unter digital-affinen Kolleg:innen umschaue, dann dominieren dort deutlich: Duria-2, Medatixx von Medatixx (ja, die Firma hat mehrere PVS), T2Med und Tomedo.

Daneben werden bereits Seminare zum Thema PVS-Wechsel angeboten. Dazu kann man sich unter https://edelweissnetzwerk.de/aktionen/medical/webinar anmelden. Einige davon habe ich selbst gegeben. Das Thema habe ich auch zusammen mit Christian Köhler und Christian „Tino“ Sommerbrodt in unserem Podcast „Das Arztgespräch“ beleuchtet. Auch über die Notwendigkeit guter Digitalisierung in der Arztpraxis haben wir dort schon gesprochen. Man sollte auch nachfragen oder anregen, ob nicht die eigenen Berufsverbände, lokale Ärztevereine, KVen etc. solche Seminare anbieten. Denn dieses Thema wird zunehmend wichtig werden.

Desinformation im Alltag

Desinformation und Hetze betreffen uns nicht nur im politischen Alltag, sondern auch mitunter unmittelbar in den Praxen. Als ein damaliger Compugroup-Manager sich einmal auf LinkedIn verstört zeigte über die Verschwörungstheorien, die ihm in einer Alltagssituation an den Kopf geworfen wurden, hatte ich ihn in meinem Kommentar gefragt, warum er denn nicht hinterfrage, warum sein "Chef" dann ein Portal unterstützt, das diese Desinformationen aktiv unterstützt.

Corona als Weltverschwörung um Bill Gates, angeführt von von Wissenschaftlern wie Fauci, Impfungen als Teil des Narrativs, das wir gesteuert werden, obwohl der unschätzbar hohe Nutzen wissenschaftlich unstrittig ist. All dies verursacht Skepsis gegenüber ärztlicher Kompetenz, medizinischen Vorsorge-Maßnahmen sowie Impfungen. Diese Skepsis hat direkte Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung. Zu erwähnen sind z.B. vermehrte Masern-Ausbrüche - in den USA, deren Gesundheitsministerium von Robert F Kennedy Jr., einem radikalen Impfgegner, angeführt wird, sieht es noch dramatischer aus. Radikale Kräfte in Deutschland und MAGA passen auch hier sehr gut zusammen.

In meiner Praxis musste ich mir schon anhören, dass für die Entwicklung von Corona-Impfstoffen "massenweise Embryos getötet" worden seien. Eine absurde Behauptung, die in kompletter Kenntnislosigkeit den wissenschaftlich verantwortlichen Umgang mit historischen Zelllinien ignoriert.

Dies wird aber mit einer starken Wut vorgetragen, die sich gegen mich persönlich richtet, weil ich durchaus auch dafür bekannt bin, während der Coronazeit als Wissenschafts-Multiplikator unter anderem ganz klar Pro-Impfen aufgetreten zu sein, andererseits aber auch Tacheles gegenüber Leuten geredet hat, die mit Desinformation und Hetze an die Öffentlichkeit gegangen sind.

Auf der "anderen Seite": Ausgerechnet der damalige BILD- und heutige NiUS-Chefredakteur Julian Reichelt und eine gewisse "Bubble" auch aus AfD- und AfD-nahen Protagonisten. Seitdem weiß ich einerseits noch besser als voher schon, dass (Rechts-)Radikalismus, Esoterik, Impfgegnerschaft usw. eine breite Schnittmenge haben. Andererseits habe ich auch gemerkt, dass allein die Nennung durch diese Gruppen eine Aufforderung an ihre Anhängerschaft bedeutet, der diese auch nachkommt. Dies setzt sich durch radikale Narrative und Falschinformationen fort, von denen Plattformen wie NiUS gekennzeichnet sind.

Eines ist ganz klar: Solchen gesellschaftszersetzenden Plattformen muss entgegengetreten werden. Es ist nicht zu tolerieren, dass Humanismus, freiheitlich demokratische Grundordnung und die Demokratie, getrieben durch diese Kräfte zerstört werden (unterstützt von Regimen wie Russland, China und der MAGA-Bewegung in den USA), während weite Teile der Bevölkerung sich aus News-Snippets auf Social-Media "informieren".

Und es ist nicht tragbar, dass Arztpraxen in Deutschland, die dem Humanismus, ja der Menschlichkeit verpflichtet sind, dies auch noch wirtschaftlich unterstützen. Es würde mich freuen, würden möglichst viele Kolleg:innen diese Erkenntnis gewinnen.

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Dieser Artikel wurde verfasst von:

Dr. Marc Hanefeld

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