Im Kampf gegen Hatefluencer & Hass-Clickbait

Gastbeitrag

Im Kampf gegen Hatefluencer & Hass-Clickbait

Wie Veronika Bohrn Mena mit einer beispiellosen Serie von Massenklagen gegen Profiteure und Verursacher von digitaler Gewalt vorgeht.

Veronika Bohrn Mena

Am 15. November 2025 hat mein Ausstieg aus einem jahrelangen Joch begonnen. Es ist der Tag, an dem Gerald Grosz, einer der aktuell lautesten Scharfmacher im deutschsprachigen Raum im Dienst von AfD & FPÖ, gerichtlich mit seiner Hetze gegen mich gestoppt wurde. Der Tag, an dem ein österreichisches Landesgericht auf meinen Antrag hin eine einstweilige Verfügung gegen ihn erlassen hatte, wegen ehrbeleidigender und rufschädigender Äußerungen über mich und mir damit ein Stück meiner Würde zurückgegeben hat.

Sein wochenlanger Spott über meine juristische Notwehr und sein aggressives Auftreten im Gerichtssaal haben seine Diffamierungen über mich nicht glaubwürdiger machen können. Täter-Opfer-Umkehr ist vor Gericht eben nicht so wirksam wie auf rechten Medienplattformen, Social Media oder im Boulevard. Diese gerichtliche Entscheidung hat nun auch Auswirkungen auf den digitalen Prügelmob, die rund 1.400 Personen, die sich an der Verbreitung seiner Äußerungen über mich beteiligt hatten. Jede einzelne von ihnen erhält von mir eine Klage, einige wurden zwischenzeitlich schon verurteilt. Ich drehe den Spieß um, ich mache das, was rechte Demagogen schon seit Jahren machen: ich verschiebe die Grenze des Sagbaren.

Und so vereint und beeinflusst der Fall Grosz viele der Aspekte digitaler Gewalt, mit denen ich seit rund zehn Jahren konfrontiert bin. Zunächst wäre da der ideologische Background des Täters: Grosz entstammt der ehemaligen Gefolgschaft von Jörg Haider, der FPÖ-Politiker, der dem Dritten Lager in Österreich wieder zum Erfolg verholfen hat. Er betreibt Wahlkampf für die AfD, posiert öffentlich gerne mit Rechtsextremist*innen aus aller Welt und propagiert die „Remigration“, was für die massenhafte Deportation von (Staats)Bürger*innen mit Migrationsgeschichte steht.

Ebenso verfolgt er die geradezu systematische Vorgehensweise von allen „Hatefluencern“ wie ihm: Sie postulieren öffentlich Unwahrheiten über ihnen missliebige Personen und generieren damit unglaublich viel Reichweite in sozialen Netzwerken. Diese wiederum ist die lukrative Basis für Einladungen in Talkshows, Buchverkäufe und Vortragstätigkeiten in einschlägigen Kreisen. Ihr Hass hat sich bislang für sie ausgezahlt, auch weil kaum jemand dagegen vorgegangen ist.

Und dann ist da noch das enorme Netzwerk, in das sie eingebunden sind und dass ihr Wirken so effektiv macht. Denn die Botschaften der „Hatefluencer“ werden von zahlreichen Medienplattformen aus dem rechten Lager aufgegriffen und verstärkt. Manche von diesen Propaganda Plattformen sind offen rechtsextrem, andere geben sich scheinbar konservativ, aber sie alle sind Teil eines digitalen Orchesters, das beliebig eingesetzt werden kann, wenn es darum geht, einen gemeinsamen Feind zu definieren und zu tyrannisieren.

Inzwischen ist es bald zehn Jahre her, als ich das erste Mal als Zielscheibe dieses Netzwerks auserkoren wurde, es war im Frühjahr 2017. Ich erinnere mich genau daran, denn es war ausgerechnet am Tag der Geburt meines ersten Sohnes. Wenige Stunden nach der Niederkunft, mit diesem wunderbaren schlafenden Geschenk auf meiner Brust, blickte ich zum ersten Mal nach dieser lebensverändernden Erfahrung auf mein Handy. Hunderte Benachrichtigungen wurden mir angezeigt – aber es waren keine Glückwünsche.

Die Apps der sozialen Netzwerke informierten mich, dass ich unzählige Male erwähnt worden war. Anlass dafür war ein missgünstiger Artikel über mich in einem FPÖ-nahen Propagandamedium, in dem ein Tweet von mir verarbeitet worden war. Dieser Artikel ließ eine Hasswelle über mir niederbrechen, die ein Gefühl der Überwältigung bei mir auslöste, an das ich mich heute noch erinnern kann. Fotos von mir wurden gepostet, zusammen mit Fantasien sexualisierter Gewalt, offenen Drohungen und allen möglichen Beschimpfungen.

Ich machte damals ein paar Screenshots, bevor ich intuitiv das Handy weit weg legte, alles verdrängte und mich wieder auf das kleine Neugeborene konzentrierte, das mich so sehr brauchte. Doch das Muster wiederholte sich seither unzählige Male: Ein rechter „Hatefluencer“ äußerte sich öffentlich abfällig über mich, eines dieser Medien aus der rechten Sphäre griff es auf und hunderte Hasskommentare folgten. Ein Phänomen, mit dem nicht nur ich konfrontiert bin, sondern alle Linken, Frauen, Menschen mit Migrationsgeschichte und generell alle, die nicht dem Ideal des weißen, heterosexuellen und zumindest konservativen oder christlichen Mannes entsprechen.

Erinnern wir uns etwa an den Blogger Rainer Meyer, alias „Don Alphonso“. Nachdem er sich über Jasmina Kuhnke, Sibel Schick oder Natascha Strobl hergemacht hatte, wurden diese Frauen mitunter monatelang beschimpft, mit Mord und Vergewaltigung bedroht, ausspioniert, gedoxxt, mit falschen Warenbestellungen beschickt, mit Anrufen, Nachrichten und Mails bombardiert und bei ihren Arbeit- und Auftraggeber*innen diffamiert.

Dieses missbräuchliche Verhalten war kurzzeitig Gegenstand von Debatten darüber, wie ein einigermaßen verantwortungsbewusster Umgang mit Social Media auszusehen habe und wie es Personen geht, die mit diesen Tsunamis der digitalen Gewalt konfrontiert sind. Nichtsdestotrotz publiziert „Die Welt“ seine polemischen Blogbeiträge bis heute. Und viele andere sind seinem Beispiel seither gefolgt und haben den Hass-Clickbait gegen Frauen zur Profession erhoben.

Es geht bei den Opfern der Hatefluencer meist viel weniger um die reale Personen, gegen die losgegangen wird, oder um deren konkrete Aussagen, die fragile rechte Männeregos derart triggern, dass sie offenbar meinen, mit Vergewaltigungsfantasien reagieren zu „müssen“. Ihr Hass ist schlicht dem Umstand geschuldet, dass wir als Frauen überhaupt unsere Meinung öffentlich kundtun. Das allein reicht schon, um zur Zielscheibe dieser Menschen und ihres Geschäftsmodells zu werden.

Ich bin diesem Hass nun schon so lange ausgesetzt, er erreicht mich via Mail, auf Social Media und sogar ganz altmodisch in einem Brief frankiert und per Post. Mit meinem Gesicht wurden dutzende Kollagen kreiert, durch digitale Bildbearbeitungsprogramme sowie mit Schere, Klebstoff und Papier. Dabei wurden mir etwa Überschriften in und über mein Gesicht geschrieben, es auf fremde Körper gesetzt, die Beine gespreizt oder Tränen unter die Augen gemalt.

Ich wurde mit kreativen und vulgären Wortkreationen beschimpft, mit dem Tode bedroht oder mit schriftlichen Elaboraten in der Länge eines Schulaufsatzes bedacht, in deren Schilderungen mir etwa die Brüste abgeschnitten oder andere verstörende Dinge mit Körperflüssigkeiten und Exkrementen angetan wurden. Ein etablierter Running Gag besteht darin, meinen Namen in „Porn Mena“ zu modifizieren und mich als „Hure“ bzw. „unterfickt“ zu bezeichnen.

Ich habe mich damit nicht abgefunden und werde es auch zukünftig nicht akzeptieren. Und seit rund neun Monaten wehre ich mich dagegen mit allen Instrumenten, die der Rechtsstaat mir zur Verfügung stellt. Nachdem die Behörden sich als unwillig oder unfähig erwiesen und etwa die Staatsanwaltschaft jede Ermittlung wegen „zu hohen Ermittlungsaufwands“ einstellte, musste ich mich selbst zur Wehr setzen. Unterstützt von einem so fachkundigen wie motivierten Anwalt samt Team und einem Prozessfinanzierer habe ich hunderte Klagen zu meiner Verteidigung eingebracht.

Nicht nur, um die Personen zur Verantwortung zu ziehen, die sich an dem Hass gegen mich beteiligen. Sondern auch, um das Geschäftsmodell zu stören und im Idealfall zu zerschlagen, auf das die Hatefluencer und die rechten Plattformen setzen. Denn erst wenn sie der Hass mehr kostet als er ihnen bringt, weil sie zu hohen Strafzahlungen verurteilt und/oder vorbestraft werden, oder täglich auf ihren Kanälen gerichtliche Anordnungen veröffentlichen müssen, die ihrer Reichweite zuwiderlaufen, werden sie damit aufhören.

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Dieser Artikel wurde verfasst von:

Veronika Bohrn Mena

Autorin

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