Aus einem Fake-Motiv wird Zensur
Wie NIUS aus einer selbst verschärften Berliner Werbekampagne eine Geschichte über angebliche Zensur macht.
Mit einer Werbekampagne in Berlin wollte das Krawallportal NIUS Aufmerksamkeit für sich erzeugen. Dafür ließ NIUS unter anderem einen Linienbus mit eigener Werbung bekleben. Am Ende zeigte die Kampagne vor allem, wie schnell aus einer eigenen Provokation eine Geschichte über angebliche Zensur gemacht werden kann.
Erst überklebten Aktivisten NIUS-Werbung in der U-Bahn, Campact fuhr mit einem LED-Truck hinter dem NIUS-Werbebus her und in Berlin tauchten Gegenplakate auf. Dann veröffentlichte Julian Reichelt ein angeblich neues Werbemotiv. Danach stoppte die BVG die Kampagne. Anschließend stellte NIUS den Vorgang als Beispiel dafür dar, dass unliebsame Positionen aus dem öffentlichen Raum verdrängt würden und die Meinungsfreiheit unter Druck stehe. Willkommen in der verdrehten Welt von NIUS – willkommen beim Rechten Radar.
Heute auf dem Radar:
- Vom Fake-Motiv zur Zensurgeschichte — wie NIUS die eigene Eskalation zur Opfererzählung macht.
- Henry Nowak als Gegen-BLM-Erzählung — wie ein Mordfall politisch aufgeladen wird.
- „Gleichschaltungsrede“ — wie NS-Begriffe gegen demokratische Gegner eingesetzt werden.
Deep Dive: Aus einem Fake-Motiv wird Zensur
Die Berliner Werbekampagne war für NIUS kein Nebenprojekt. Das Portal hatte viel Geld in die Aktion investiert, warb auf Bussen1, Bahnen2 und Plakatflächen3 und begleitete die Kampagne mit eigenen Artikeln4. Die Botschaft war klar: NIUS wollte sichtbar werden, Präsenz zeigen und demonstrieren, dass das Projekt wächst. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil NIUS seit Jahren mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat: Seit der Gründung hat NIUS 33 Millionen Euro verloren.5 Gerade vor diesem Hintergrund sollte die Kampagne offenbar Stärke und Erfolg ausstrahlen – trotz der immer wieder diskutierten Finanzierungsfragen..
Doch statt eines ungestörten Werbeerfolgs bekam die Kampagne etwas anderes: massiven Widerspruch.
Aktivist*innen überklebten NIUS-Sticker in Berliner U-Bahnen mit eigenen Motiven.6 Die Organisation Campact schickte einen LED-Truck hinter einem BVG-Bus mit NIUS-Werbung her.7 In sozialen Medien verbreiteten sich Bilder der Gegenaktionen.8 Berlin machte klar, dass Werbung für rechte Krawallportale im öffentlichen Raum nicht unbeantwortet stehen gelassen wird. Aus einer Werbekampagne wurde ein öffentlicher Konflikt.
Dann griff Julian Reichelt selbst ein.
Auf X veröffentlichte er ein angeblich neues Werbemotiv mit dem Satz: „Wir werden immer beliebter bei sämtlichen beiden Geschlechtern.“ Das Bild war so gestaltet, als hinge die Werbung in einer Berliner U-Bahn. Der Spruch spielte bewusst auf den transfeindlichen Kulturkampf an und verschärfte die Auseinandersetzung noch einmal deutlich.
Später erklärte NIUS, das Motiv habe nie real existiert. Es sei lediglich ein Scherz gewesen.9


Genau hier beginnt die eigentliche Geschichte. NIUS verbreitete selbst ein Motiv, das wie echte BVG-Werbung aussah. Die BVG reagierte darauf und beendete die Kampagne.10 Gleichzeitig stellte sie klar, dass dieses Motiv nie Teil der gebuchten Werbung gewesen sei.11
Die Kampagne wurde also nicht wegen ihres ursprünglichen Slogans gestoppt. Auslöser war ein Social-Media-Motiv, das den Eindruck erweckte, Teil der laufenden BVG-Werbung zu sein.
Ironischerweise war es damit ausgerechnet Reichelt selbst, der die Kampagne entscheidend beschädigte. Und das geschah nicht aus dem Nichts. NIUS-Redakteur Julius Böhm erklärte später auf X, das Motiv sei als Reaktion auf die überklebten NIUS-Plakate entstanden. Er schrieb, nachdem „Linksextremisten“ die Werbung in Berlin überklebt hätten, habe Julian Reichelt dieses Bild gepostet.12 Das angeblich neue Werbemotiv war also ausdrücklich als Gegenangriff auf die Aktionen der Aktivist*innen gedacht. In dem Moment, in dem NIUS sich über die Gegenreaktionen ärgerte und unter Druck geriet, legte Reichelt mit einem provozierenden Fake-Motiv nach – und lieferte damit den Anlass für das Ende der gesamten Aktion.
Doch daraus machte NIUS schnell etwas anderes. In den eigenen Formaten wurde der Vorgang nicht als selbst verursachte Eskalation erzählt, sondern als Beispiel für eine angeblich abnehmende Meinungsfreiheit.13 Aus einer Entscheidung über Werbeflächen wurde eine Debatte über Denkverbote.14
So entsteht die eigentliche Geschichte: NIUS erscheint nicht als Akteur, der auf Kritik mit einer bewussten Eskalation reagierte und damit die Kampagne selbst gefährdete, sondern als Opfer einer übermächtigen Gegenseite.
Genau darin liegt die politische Funktion solcher Erzählungen. Die ursprüngliche Provokation tritt in den Hintergrund. Entscheidend wird die Reaktion darauf. Aus Kritik wird Unterdrückung, aus Widerspruch Zensur. Und am Ende dient selbst eine selbstverschuldete Niederlage noch als Beleg dafür, dass man angeblich zum Schweigen gebracht werden soll.
Außerdem auf dem Radar
- Henry Nowak als Gegen-BLM-Erzählung: NIUS rahmt den Tod des britischen Studenten zunehmend als Gegenstück zu George Floyd. Über Formulierungen wie „I can’t breathe“15 oder die Behauptung, Nowak sei gestorben, „weil er weiß war“16, wird ein Einzelfall in die Erzählung vom angeblich verdrängten Leid weißer Menschen eingebaut. Antirassistische Symbolik wird dabei bewusst umgedeutet und gegen ihren ursprünglichen Kontext gewendet.17 So entsteht der Eindruck, die eigentlichen Opfer gesellschaftlicher Diskriminierung seien heute Weiße. Der Tod von Henry Nowak ist tragisch und verdient Aufklärung – und nicht Instrumentalisierung für die rassistische Agenda von NIUS & Co.
- „Gleichschaltungsrede“ gegen Franziska Brantner: Reichelt bezeichnete eine Rede der Grünen-Politikerin als „Gleichschaltungsrede“.18 Damit wird ein historisch stark mit dem Nationalsozialismus verbundener Begriff genutzt, um demokratische Gegner als autoritär darzustellen.19 Solche Vergleiche verschieben politische Auseinandersetzungen aus dem Bereich normaler Meinungsverschiedenheiten in den Bereich existenzieller Bedrohungen. Gegner erscheinen dadurch nicht mehr nur als falsch, sondern als potenziell undemokratisch.
Wort der Woche: „Meinungsfreiheit“
Kaum ein Begriff taucht bei NIUS häufiger auf. Dabei geht es ihnen nicht um die grundrechtliche Freiheit, eine Meinung zu äußern, sondern um die Behauptung, bestimmte Positionen würden systematisch unterdrückt.
Genau deshalb ist der Begriff so wirkungsvoll: Er verschiebt die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Kritik auf die Reaktion darauf. Wer Widerspruch erfährt, kann sich als Opfer inszenieren – und jede Gegenrede als Angriff auf die Meinungsfreiheit darstellen.
Das Rechte Radar entsteht in Zusammenarbeit mit DIVER und dessen NIUS-Watch.
Fußnoten / Quellen
Footnotes
- https://x.com/niusde\_/status/2062255750508909048 ↩
- https://www.instagram.com/p/DZIFW2ViumC/ ↩
- https://x.com/jreichelt/status/2058891601842225331 ↩
- https://nius.de/politik/linke-verzweifelt-nius-kampagne-ueberrollt-bvg ↩
- https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/id\_101258246/julian-reichelt-nius-rutscht-tiefer-in-die-roten-zahlen.html\#:\~:text=In%20der%20Bilanz%20wird%20auch%20das%20Minus%20seit%20Gr%C3%BCndung%20im%20Herbst%202022%20mitgeschleppt%20als%20Verlustvortrag%3A%203%20Millionen%20im%20ersten%20Rumpfjahr%2C%2013%2C8%20Millionen%20im%20Jahr%202023.%20Macht%20f%C3%BCr%20die%20drei%20Jahre%20zusammen%20ein%20Minus%20von%20bislang%2033%20Millionen%20Euro. ↩
- https://www.instagram.com/p/DZFAnJ4Ddqh/?img\_index=1 ↩
- https://www.instagram.com/p/DZFgAw\_ss2N/ ↩
- https://www.instagram.com/p/DZFNObwkZvj/?img\_index=3 ↩
- https://x.com/julius\_\_boehm/status/2062872482852311496 ↩
- https://www.bvg.de/de/unternehmen/medienportal/pressemitteilungen/20260605-pm-bvg-beendet-werbekampagne-von-medienportal ↩
- https://www.bvg.de/de/unternehmen/medienportal/pressemitteilungen/20260605-pm-bvg-beendet-werbekampagne-von-medienportal\#:\~:text=Richtig%C2%A0ist%3A%C2%A0Das%C2%A0derzeit%20im%20Umlauf%C2%A0befindliche%C2%A0Motiv%C2%A0auf%C2%A0Social%C2%A0Media%C2%A0war%20weder%20Gegenstand%20der%20gebuchten%20Kampagne%20noch%20wurde%20es%20von%20der%20BVG%20oder%C2%A0ihrem%20Vermarkter%C2%A0freigegeben%C2%A0oder%20ver%C3%B6ffentlicht.%C2%A0 ↩
- https://x.com/julius\_\_boehm/status/2062872482852311496 ↩
- https://www.youtube.com/live/F34oIfJl-10?si=SWJes1GjQVIWd6Ii\&t=831 ↩
- https://www.youtube.com/live/F34oIfJl-10?si=jYK2l4kKM-\_wImbd\&t=764 ↩
- https://nius.de/ausland/i-can-t-breathe-bodycam-video-zeigt-die-grausamen-letzten-minuten-von-henry-nowak ↩
- https://nius.de/nius-live/nius-live-der-18-jaehrige-henry-nowak-musste-sterben-weil-er-weiss-war ↩
- https://nius.de/medien/george-floyd-menschen-knien-henry-nowak ↩
- https://youtu.be/jD4A2ylSm6U?si=MxCd2JvqT2JU5Pqu ↩
- https://youtu.be/jD4A2ylSm6U?si=2fOVPMaLDfQvvPRP\&t=242 ↩
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